Tusche, Acryl, Aquarell, Farbstifte auf Aquarellpapier 40 x 30 cm
Das Einhorn von Nieder-Holtorf (2026) von Martin Welzel
Online seit 20.10.2026
#Malerei
#phantastischer Realismus
#Fantasie
#Illustrationen
#Mythologie
#Natur
Eintrag im „Logbuch des Phantastonauten“ vom 8. Oktober 2026
Das Einhorn von Nieder-Holtorf
Sehr gerne lege ich bei meinen Spaziergängen an der großen Wiese am Waldrand eine Pause ein und betrachte müßig die dort grasenden Weidetiere. Unter dem Arm mein Skizzenbuch, stets bereit um neues Material für mein allseits bekanntes „Logbuch des Phantastonauten“ zu sammeln. Selbstverständlich sind mir in meiner Eigenschaft als bekennender Phantast viele Dialekte der Tiersprache geläufig und so konnte ich auch dieses Mal den Gesprächen der dort versammelten Vierbeiner – einer Horde kleiner Esel – unbemerkt lauschen.
Einer ihrer Verwandten, ein kleiner Esel, war schon in jungen Jahren von einer Pferdefamilie aufgenommen worden, da er offenbar elternlos in der Gegend herumgelaufen war. Die Pferdemutter gab sich große Mühe, ihn zu einem guten Pferd zu erziehen, aber leider waren ihm seine großen Eselsohren ständig im Weg: sie waren so lang, dass er ständig über sie stolperte und seine Pferde-Geschwister nutzten jede Gelegenheit ihn zu verspotten und zu terrorisieren. Eines Tages wurde es ihm zu viel und er machte sich aus dem Staub.
Doch leider wurde es in der großen, weiten Welt nicht besser. Überall wo er hinkam die gleichen Sprüche: Was bist du denn für ein komisches Pferd? Und was sind das für hässliche Ohren? Sosehr er sich auch bemühte, das zu tun, was ein gutes Pferdchen halt so macht, es ging jedes Mal schief und endete mit lautem „I-A“.
Es kam, wie es kommen musste: der Esel geriet auf die schiefe Bahn, hing mit den falschen Leuten ab, und endete schließlich im falschen Viertel der Großen Stadt. Dort erwachte er eines Morgens, mit verklebten Augen und schmerzendem Kopf frierend an einer Straßenecke liegend und betrachtete verzweifelt sein Spiegelbild in einer Pfütze auf dem zersprungenen Pflaster. Er konnte seinen eigenen Anblick kaum noch ertragen, denn er hörte sofort die spöttischen Stimmen in seinem Kopf: „Schlappohr!“ „Du hässlicher Freak“, „I-A“.
Und nun entdeckte er auch noch diese eigenartige Beule mitten auf der Stirn, als wäre es nicht schon schlimm genug. Da beschloss er schweren Herzens, den Traum von einer erfolgreichen Laufbahn in der großen, weiten Welt und der großen, unfreundlichen Stadt den Rücken zu kehren und auch nie wieder im Spiegel sein eigenes Gesicht zu betrachten. Er machte sich auf in die Einsamkeit der Wälder, in seinem Herzen der verzweifelte Wunsch, aus dieser Welt, die ihn nicht wollte, zu entfliehen.
So wurde er zu einem einsamen wandernden Esel, nirgends zu Hause, immer auf der Flucht. Sein zu Hause war der Nördliche Wald, wo er sich sicher fühlte. Doch immer wieder zog es ihn zurück in die Nähe der Siedlungen mit ihren Wiesen und Weiden und seinen früheren Artgenossen, die er mit schwerem Herzen heimlich aus der Ferne beobachtete.
Eines Abends in der späten Dämmerung suchte er auf einer Lichtung im Wald in der Nähe des beschaulichen Weilers Nieder-Holtorf ein ruhiges Plätzchen zum Übernachten. Er war erst gerade eigeschlafen, da erwachte er von einem ungewöhnlichen Geräusch, ein lieblich klingendes „I“ und danach, wie ein Gong, ein „A“. Er riss erstaunt die Augen auf. Und da standen sie im Mondlicht: eine ganze Herde weißer Einhörner, liebliche Wesen voller Anmut.
Alle mit langen Eselsohren! Wunderschön.
Sein verwundetes Herz ging ihm auf bei diesem Anblick. Und gleichzeitig fühlte er sich umso kleiner und hässlicher. Die Einhörner aber umringten ihn, sie waren gar nicht scheu, wie in den alten Geschichten immer behauptet wurde, sondern sprachen freundlich zu ihm und behandelten ihn, wie einen der ihren. Das fühlte sich wirklich gut an, aber gleichzeitig hatte er Angst, sie könnten bemerken, dass er nur ein Freak war, so etwas wie ein Hochstapler und Betrüger. Doch für den Moment genügte es ihm, einfach mit dabei zu sein.
Die ganze Nacht zogen sie gemeinsam durch den Nördlichen Wald, der direkt hinter Nieder-Holtorf begann, aber als dann der Morgen graute, wurde der Esel sehr traurig, denn er befürchtete, dass die schöne Zeit nun enden würde. Und einer der Einhorn-Esel bemerkte es und fragte ihn, was denn los sei. Und so öffnete unser Esel sein Herz und die ganze traurige Geschichte kam ans Licht. Da umringten ihn die ganze Herde und sie sprachen zu ihm folgende Worte: „Warum glaubst du, dass wir dich wieder verlassen werden? Du bist doch einer von uns. Hast du nicht schon vor einer ganzen Weile die Beule in der Mitte deiner Stirn bemerkt? Guckst du morgens beim Zähneputzen gelegentlich in den Spiegel?“ Das hatte der Esel allerdings schon länger nicht mehr getan: er legte sich vor dem Spiegel immer die langen Ohren über seine Augen, weil er seinen eigenen Anblick nicht mehr ertragen konnte.
Sofort lief er zum nahegelegenen Teich und blickte im ersten Licht der aufgehenden Sonne auf die spiegelnde Wasseroberfläche und ihr ahnt sicher schon, was er sah …
Um sicherzugehen, dass ihr versteht, was ich sagen möchte, hier noch das dazugehörige Bild aus meinem Skizzenbuch.
Das Einhorn von Nieder-Holtorf
Sehr gerne lege ich bei meinen Spaziergängen an der großen Wiese am Waldrand eine Pause ein und betrachte müßig die dort grasenden Weidetiere. Unter dem Arm mein Skizzenbuch, stets bereit um neues Material für mein allseits bekanntes „Logbuch des Phantastonauten“ zu sammeln. Selbstverständlich sind mir in meiner Eigenschaft als bekennender Phantast viele Dialekte der Tiersprache geläufig und so konnte ich auch dieses Mal den Gesprächen der dort versammelten Vierbeiner – einer Horde kleiner Esel – unbemerkt lauschen.
Einer ihrer Verwandten, ein kleiner Esel, war schon in jungen Jahren von einer Pferdefamilie aufgenommen worden, da er offenbar elternlos in der Gegend herumgelaufen war. Die Pferdemutter gab sich große Mühe, ihn zu einem guten Pferd zu erziehen, aber leider waren ihm seine großen Eselsohren ständig im Weg: sie waren so lang, dass er ständig über sie stolperte und seine Pferde-Geschwister nutzten jede Gelegenheit ihn zu verspotten und zu terrorisieren. Eines Tages wurde es ihm zu viel und er machte sich aus dem Staub.
Doch leider wurde es in der großen, weiten Welt nicht besser. Überall wo er hinkam die gleichen Sprüche: Was bist du denn für ein komisches Pferd? Und was sind das für hässliche Ohren? Sosehr er sich auch bemühte, das zu tun, was ein gutes Pferdchen halt so macht, es ging jedes Mal schief und endete mit lautem „I-A“.
Es kam, wie es kommen musste: der Esel geriet auf die schiefe Bahn, hing mit den falschen Leuten ab, und endete schließlich im falschen Viertel der Großen Stadt. Dort erwachte er eines Morgens, mit verklebten Augen und schmerzendem Kopf frierend an einer Straßenecke liegend und betrachtete verzweifelt sein Spiegelbild in einer Pfütze auf dem zersprungenen Pflaster. Er konnte seinen eigenen Anblick kaum noch ertragen, denn er hörte sofort die spöttischen Stimmen in seinem Kopf: „Schlappohr!“ „Du hässlicher Freak“, „I-A“.
Und nun entdeckte er auch noch diese eigenartige Beule mitten auf der Stirn, als wäre es nicht schon schlimm genug. Da beschloss er schweren Herzens, den Traum von einer erfolgreichen Laufbahn in der großen, weiten Welt und der großen, unfreundlichen Stadt den Rücken zu kehren und auch nie wieder im Spiegel sein eigenes Gesicht zu betrachten. Er machte sich auf in die Einsamkeit der Wälder, in seinem Herzen der verzweifelte Wunsch, aus dieser Welt, die ihn nicht wollte, zu entfliehen.
So wurde er zu einem einsamen wandernden Esel, nirgends zu Hause, immer auf der Flucht. Sein zu Hause war der Nördliche Wald, wo er sich sicher fühlte. Doch immer wieder zog es ihn zurück in die Nähe der Siedlungen mit ihren Wiesen und Weiden und seinen früheren Artgenossen, die er mit schwerem Herzen heimlich aus der Ferne beobachtete.
Eines Abends in der späten Dämmerung suchte er auf einer Lichtung im Wald in der Nähe des beschaulichen Weilers Nieder-Holtorf ein ruhiges Plätzchen zum Übernachten. Er war erst gerade eigeschlafen, da erwachte er von einem ungewöhnlichen Geräusch, ein lieblich klingendes „I“ und danach, wie ein Gong, ein „A“. Er riss erstaunt die Augen auf. Und da standen sie im Mondlicht: eine ganze Herde weißer Einhörner, liebliche Wesen voller Anmut.
Alle mit langen Eselsohren! Wunderschön.
Sein verwundetes Herz ging ihm auf bei diesem Anblick. Und gleichzeitig fühlte er sich umso kleiner und hässlicher. Die Einhörner aber umringten ihn, sie waren gar nicht scheu, wie in den alten Geschichten immer behauptet wurde, sondern sprachen freundlich zu ihm und behandelten ihn, wie einen der ihren. Das fühlte sich wirklich gut an, aber gleichzeitig hatte er Angst, sie könnten bemerken, dass er nur ein Freak war, so etwas wie ein Hochstapler und Betrüger. Doch für den Moment genügte es ihm, einfach mit dabei zu sein.
Die ganze Nacht zogen sie gemeinsam durch den Nördlichen Wald, der direkt hinter Nieder-Holtorf begann, aber als dann der Morgen graute, wurde der Esel sehr traurig, denn er befürchtete, dass die schöne Zeit nun enden würde. Und einer der Einhorn-Esel bemerkte es und fragte ihn, was denn los sei. Und so öffnete unser Esel sein Herz und die ganze traurige Geschichte kam ans Licht. Da umringten ihn die ganze Herde und sie sprachen zu ihm folgende Worte: „Warum glaubst du, dass wir dich wieder verlassen werden? Du bist doch einer von uns. Hast du nicht schon vor einer ganzen Weile die Beule in der Mitte deiner Stirn bemerkt? Guckst du morgens beim Zähneputzen gelegentlich in den Spiegel?“ Das hatte der Esel allerdings schon länger nicht mehr getan: er legte sich vor dem Spiegel immer die langen Ohren über seine Augen, weil er seinen eigenen Anblick nicht mehr ertragen konnte.
Sofort lief er zum nahegelegenen Teich und blickte im ersten Licht der aufgehenden Sonne auf die spiegelnde Wasseroberfläche und ihr ahnt sicher schon, was er sah …
Um sicherzugehen, dass ihr versteht, was ich sagen möchte, hier noch das dazugehörige Bild aus meinem Skizzenbuch.
