Tusche, Acryl, Aquarell, Farbstifte auf Aquarellpapier 40 x 30 cm
Brüder und Schwester im Herzen des Waldes (2026) von Martin Welzel
Online seit 20.10.2026

#Malerei #phantastischer Realismus #Fantasie #Illustrationen #Mythologie #Natur
Eintrag im "Logbuch des Phantastonauten" vom 15.10. 2026

Brüder und Schwester im Herzen des Waldes

Das Thema, welches ich in diesem Eintrag in mein allseits bekanntes „Logbuch des Phantastonauten“ behandeln möchte, ist eng verbunden mit meiner Vergangenheit und meiner inneren Berufung zu der Aufgabe, der ich mich als bekennender Phantast schon mein ganzes Leben lang verschrieben habe.

An dieser Stelle muss ich ein wenig zurückgreifen, weit zurück, bis in die Zeit, als in den Wohnzimmern dieses Landes noch der röhrende Hirsch das Sagen hatte. Ich spreche selbstverständlich von dem Gemälde, das dort allerorten an zentraler Stelle, meistens über dem Sofa, seinen unverrückbaren Platz einnahm. Der dort abgebildete Waldbewohner mit seinem imposanten Geweih war der uneingeschränkte Herrscher dieser Räumlichkeiten und dominierte mit seinem stummen Schrei die meisten der hier stattfindenden familiären und sonstigen Zusammenkünfte.

Wie oft spendete sein Anblick mir Trost an endlos langen und langweiligen Nachmittagen am Tisch des besagten Wohnzimmers? Seine urtümliche Pose in der Einsamkeit des Waldes wurde dabei für mich zum Ausgangspunkt meiner ersten, damals noch unbewussten Reisen in die endlosen Weiten der Welt der Phantasie. Insofern verdanke ich ihm einiges.

Und konnte aus diesem Grund nie wirklich verstehen, warum diese Art von Kunst belächelt und als Kitsch abgetan wurde. Höchstens rein theoretisch.

Denn hatte ich hier nicht einen der Ansatzpunkte entdeckt, wo für mich, wie so oft, das scheinbar Ganz-Alltäglich-Banale zum Ausgangspunkt für eine Reise ins das Ganz-Andere wurde? Vielleicht der früheste Anfang, an dem meine Laufbahn als bekennender Phantast begann?

Und mit einem Mal war ich wieder dort, konnte das Röhren des wilden Tieres deutlich hören, rieb mir verdutzt die Augen, doch der Wald vor mir war leer. Kein Hirsch. Das Röhren kam aus weiter Entfernung und jetzt hörte ich auch ein leises Jagdhorn tröten. Ein unangenehmes, blechernes Geräusch, unwürdig die heilige Stille dieser in sanftem Dämmerlicht vor sich hinträumenden Waldlichtung zu zerstören. Diesen heiligen Ort betrat man erfüllt von staunender Demut. Wenn man denn nur ein Mensch war.

Spätabendliche, zarte Dunstschwaden zogen sanft tastend um die Stämme der nun fast geisterhaft wirkenden Bäume, der Duft nach Farn wurde immer stärker. Nun kam das urtümliche Röhren mit einem Mal ganz aus der Nähe. Und dann traten sie aus dem schützenden Nebel heraus: Drei majestätische Gestalten. Ohne Eile und von natürlicher Anmut erfüllt, schritten sie geräuschlos über das Moos der nun in atemloser Stille wartenden Lichtung. Da war nichts von ungebührlicher Hast oder gar Angst vor dem sicher bald auftauchenden Jäger mit seiner Tröte wahrnehmbar.

Die drei Hirsche sahen allerdings völlig anders aus, als das Exemplar auf dem Gemälde; viel wilder und urtümlicher und ihre kunstvoll geflochtenen Bärte wurden von beinernen Ringen umfasst. Aber vor allem die Augen waren es, die mich faszinierten und ihre Blicke, die in weite Ferne gingen, in Regionen, die mir nicht zugänglich waren. Und sie schimmerten in einem Licht, das nicht von dieser Welt war.

Die drei sahen einander so ähnlich, dass ich instinktiv wusste, dass sie Brüder waren. Auf dem Rücken eines der Hirsch-Brüder saß eine Frau, sie wirkte dort ganz natürlich und selbstverständlich: dies war genau der Platz, der ihr zustand. Sie ritt nicht auf dem Tier, das Tier trug sie. War sie ihre Königin, oder ihre Schwester? Ich vermute letzteres. Auf jeden Fall war auch in ihren Augen das überirdische Leuchten ihrer Brüder. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, zogen die Gestalten, von tiefer Ruhe und Gelassenheit erfüllt, über die Lichtung und verschwanden auf der anderen Seite zwischen den Bäumen.

Ich wagte nicht, ein Geräusch zu verursachen oder sonst irgendwie ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Und mir war instinktiv klar: keinem Jäger der Welt würde es gelingen, in die Aura der Ruhe einzudringen, die diese Wesen umgab. Der Gedanke, sie könnten zu profaner Jagd-Beute werden, war völlig absurd.

Mit einem Ruck erwachte ich; aus etwas, das die meisten Menschen wahrscheinlich einen Tag-Traum nennen würden. Ich aber spürte: dies war weitaus größer als die matte Wirklichkeit des beschaulichen Wohnzimmers, das nun um mich herum wieder Gestalt annahm.

Mir war in dieser Stunde zum ersten Mal ein Blick gewährt worden auf das Herz des Nördlichen Waldes mit seinen Bewohnern. Danach konnte nichts mehr so sein, wie es vorher war.

Und hier nun seht ihr meine Version des Themas „Röhrender Hirsch“.

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